DAS GEDICHT VON RICHARD VON BOXBERGER

DIE FRAUEN VON SALMÜNSTER

von Richard von Boxberger

Wohl werden Weinbergs Frauen
Gepriesen überall,
Und Ihren Ruhm erhöhte
Der Dichtkunst Lautenschall
Mit Recht: Es soll die Treue
Mit Klugheit im Verein
Auch immerdar aufs neue
Von uns gepriesen sein.

Doch auch in Hessens Gauen
Liegt eine alte Stadt,
Wo Klugheit wackrer Frauen
Sich wohl bewähret hat.
Es darf uns nicht verdrießen.
Daß sie nun eng und klein;
Das Gute soll gepriesen
Nicht minder von uns sein.

Im schönen Tal der Kinzig,
An waldiger Berge Rand
Liegt unser wackres Städtlein:
Salmünster ist's genannt.
Es eilt in unsern Tagen
Das Dampfroß schnell vorbei,
Nicht jedermann wird fragen:
Wie's in dem Städtlein sei.

Einst tobt' im deutschen Lande
Ein wilder blut'ger Krieg;
Es hatte bald der Kaiser,
Und bald der Schwed' den Sieg.
Des Krieges Spuren folgte
Zerstörung, Raub und Brand;
Er zog mit blut'ger Fackel
Auch durch das Buchenland.

Lang vor Salmünsters Toren
Lag eine Schwedenschar,
Die oft schon von den Bürgern
Zurückgeschlagen war;
Und da der Feind schon viele
Der Seinen dort vermißt,
So nahm er seine Zuflucht
Zu einer Kriegeslist.

Als ob er der Belag'rung
Nun überdrüssig wär;
Zog eines Tags von dannen
Das ganze Schwedenheer,
Laut jubelten die Bürger.
Ermattet von dem Krieg,
Und feierten voll Freude
Den schwer erfocht`nen Sieg.

Die Glieder neu zu stärken
Vom langen heißen Streit,
Dann ruhten die Verteid'ger
Bei nächtlich stiller Zeit.
Da schlich ein Feindeshaufe
Sich unbemerkt heran,
Der unterm Schutz des Dunkels
Die Stadt zu nehmen sann.

Schon haben sie die Leitern
Gelegt zu raschem Sturm,
Als sie noch zeitig wahrnimmt
Ein Wächter von dem Turm.
Der stößt ins Horn verzweifelt,
Auf's äußerste erschreckt, -
Wie wurden da die Bürger
Grell aus dem Schlaf geweckt.

Noch halb im Nachtkleid stürzten
Wie eilig auf den Wall,
Und bald erhebt sich ringsum
Des Kampfes lauter Schall
Der Schwerterklang verscheuchet
Die Stille dieser Nacht;
Dazu von beiden Seiten
Der Mörser-Donner kracht.

Zwar füllen sich allmählich
Der wackren Bürger Reih'n
Doch immer stärker dringen
Die Schweden auf sie ein:
Bald werden überwält'gen
Sie der Verteid'ger Schar,
Und riesengroß schon naht sich
Dem Städtlein die Gefahr.

Wer kann es noch erretten
Aus solcher schwerer Not,
Wo Raub ihm und Zerstörung,
Und alles Schlimme droht?
Doch wo die Not am höchsten,
Ist auch die Rettung nah,
Wie sich's auch hier bewähret hat,
Denn hört was nun geschah!

Es nah'n sich plötzlich eilig
Die Frau'n in langen Reih`n
Und schleudern — Bienenkörbe
Kühn in den Feind hinein.
Da war selbst ihrer Männer
Verwunderung gar groß:
„Was soll denn hier uns nützen
Dies seltsame Geschoß?"

Das sollte bald sich zeigen.
Hei, gab das ein Gesumm!
Wie schwärmten rings die Bienen
Wild um den Feind herum!
Mit welcher Wut sie stachen
Den Kriegern ins Gesicht,
Daß mancher hat verloren
Dort seiner Augen Licht.

So trugen sie Verwirrung
In der Bedränger Reih`n.
Die Bürger stürzten mutig
Vom Tor aus nun hinein,
Der Kampf für Gut und Leben
Gab ihnen Heldenmut,
Bald lagen viele Feinde
Noch hingestreckt im Blut.

Der Rest ward überwältigt
Und wandte sich zur Flucht,
Da hat sich gut rentieret
Salmünsters Bienenzucht.
Doch mehr noch hat bewähret
Sich seiner Frauen List,
Die Rettung noch ersonnen
Zu dieser letzten Frist.

 

Aus: Lesebuch für die Oberklasse der kath. Volksschulen für den Rgbz. Kassel, Dortmund 1882, S. 187.

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